DIE RADIOFAMILIE von Ingeborg Bachmann

© - by Harry B.P. Jaeger

Die Radiofamilie

Mit: Tania Golden, Irene Pernsteiner, Doris Weiner; Wolf Dähne, Herbert Prikopa, Günter Tolar

Sie sind bürgerlich, sie sind verschroben: Die Florianis, eine typische österreichische Familie. Hans, das Oberhaupt der Familie, ist Oberlandesgerichtsrat, ein korrekter, pflichtbewusster und hochanständiger Mensch. Seine Frau Vilma ist die Tochter eines Generals aus dem Ersten Weltkrieg und dementsprechend nicht ganz frei von Standesdünkel. Die Kinder Helli und Wolferl gehen ganz mit der neuen Zeit und ihren Eltern deshalb mitunter gehörig auf die Nerven. Komplettiert wird die Familie durch Hans‘ Halbbruder Guido. Auch er hat sich der neuen Zeit angepasst, freilich um von seiner Vergangenheit abzulenken: Er war ein Nazi, wenngleich „nur a bisserl“. Eine Durchschnittsfamilie eben. Wien in den 1950ern.

Das sind die Figuren, mit denen 1951 das satirische Porträt einer Wiener Sippe entworfen wurde, die Woche für Woche im Radio zusammenkam und mit viel Witz und Ironie und sanfter Kritik damals aktuelle Themen wie den Kalten Krieg, die Entnazifizierung, den beginnenden Wiederaufbau sowie die großen und kleinen Geschehen im Nachkriegsösterreich verhandelte. Und das tat sie sehr erfolgreich: Mit insgesamt 351 Folgen, ausgestrahlt zwischen 1953 und 1960, war Die Radiofamilie Floriani die populärste Sendung der jungen Republik.

Lange war nicht bekannt, dass eine so renommierte Autorin wie Ingeborg Bachmann an dieser Radio-Soap beteiligt war; erst Ende der 90er Jahre wurden die Typoskripte jener 15 Folgen aus ihrer Feder entdeckt, 2011 schließlich publiziert. Wenngleich sich Bachmann von dieser Arbeit später weitgehend distanziert hat, blitzen in den von ihr verfassten Folgen schon viele jener Themen auf, die ihr gesamtes dichterisches Schaffen durchziehen werden. Und es gibt wohl auch autobiografische Bezüge, die sie verarbeitet hat: So trägt etwa Onkel Guido, der „bunte Hund“ der Familie, der immer wieder für reichlich Aufregung (und Heiterkeit) sorgte, mit seiner Nazi-Vergangenheit Züge ihres Vaters. Bachmanns Beiträge zur Radiofamilie sind aber nicht nur wegen ihrer zeitgeschichtlichen Bezüge interessant – mit leichter Hand greift sie Traditionen spezifisch österreichischen Schreibens auf und entlarvt raffiniert und zugleich vergnüglich die bösartige Seite des „goldenen Wiener Herzens“.

seit 06. März 2013, 19.30 Uhr

12., VHS Meidling, Theatersaal Längenfeldgasse, Längenfeldg. 13–15

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: