Abhängigkeit von Medikamenten – wie kommt es dazu? (Dr. Doris Wolf)

 

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Eine Abhängigkeit von Medikamenten kann, je nach Art des Medikaments, sehr schnell eintreten. Deshalb ist bei der Einnahme von Medikamenten immer Vorsicht geboten. Die meisten Menschen denken bei Sucht an Alkoholabhängigkeit  oder Drogenabhängigkeit. Doch auch Medikamente können zu einer psychischen Abhängigkeit, bei längerer Einnahme auch zu einer körperlichen Abhängigkeit führen. Diese Abhängigkeiten kommen schleichend!

Etwa 2 Millionen Deutsche schlucken täglich Psychopharmaka.

Frauen und ältere Menschen sind die Hauptkonsumenten insbesondere von Benzodiazepinen. Viele der medikamentenabhängigen Frauen konsumiert zusätzlich noch Alkohol. Auch Schulkinder setzen bereits Medikamente ein, um ihre Schulangst und damit einhergehende Kopf- und Bauchschmerzen zu reduzieren.

Weibliche Jugendliche nutzen zudem Schmerzmittel, um ihre Regelschmerzen zu lindern. Die vom Arzt am häufigsten verordneten Psychopharmaka sind die Benzodiazepine (Tranquilizer) wie z.B. Valium und Lexotanil.  Sie werden hauptsächlich zur Dämpfung von Angst- und Spannungszuständen eingesetzt und führen bereits nach 2-4 Wochen(!) Einnahme zu einer körperlichen Abhängigkeit!

Stark im Ansteigen ist die Abhängigkeit von Schlafmitteln. Mehr als 2 Millionen Menschen sind von Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmitteln abhängig, Tendenz stark steigend.

Ursachen von Einschlafstörungen und Behandlung von Schlafstörungen

In den letzten Jahren werden zunehmend Antidepressiva, Neuroleptika (die erheblich mehr Nebenwirkungen haben: Bewegungsstörungen, Mundkrämpfe, Zittern) und pflanzliche Therapeutika verschrieben.

Medikamentenabhängigkeit – wie entsteht sie?

  • In einer Krisensituation bekommen wir z.B. gegen Angstgefühle oder Schlafprobleme vom Arzt Medikamente verordnet. 
  • Statt an den psychischen Ursachen der Angst oder der Schlafprobleme anzusetzen, nehmen wir die Tranquilizer oder Schlafmittel monate- oder gar jahrelang und entwickeln so eine psychische Abhängigkeit und körperliche Abhängigkeit.
  • Wir glauben, unseren Alltag nur bewältigen zu können und den Anforderungen nur gewachsen zu sein, wenn wir Medikamente nehmen. 
  • Deshalb lassen wir uns vom Arzt Tabletten verschreiben, um besser mit Stress, Schmerzen und Ängsten umgehen zu können. Eine gefährliche Haltung!
  • Psychopharmaka setzen nie an den Ursachen seelisch bedingter Probleme an und können diese deshalb nicht heilen.
  • Wir besorgen uns rezeptfreie Schlaf- und Beruhigungsmittel über die Apotheke oder das Internet. 
  • Da sie frei verkäuflich sind, gehen wir davon aus, dass diese Helferlein ungefährlich sind.
  • Aber auch harmlos erscheinende Mittel wie etwa ein codeinhaltiger Hustensaft und Appetitzügler können bei längerer Einnahme abhängig machen und/oder körperlich schaden.

Gefahren bei der Einnahme von Medikamenten

  • Es kommt zu einer Gewöhnung und/oder Dosissteigerung.
  • Es kommt zu einer psychischen und körperlichen Abhängigkeit. Wir glauben, ohne Tabletten nicht mehr funktionieren zu können.
  • Durch die Tabletten werden keine Probleme gelöst. Wir verspüren nur nicht mehr die damit einhergehenden negativen Gefühle und körperlichen Symptome.
  • Die Tabletten verstärken beim Absetzen genau die Symptome, deretwegen sie ursprünglich eingenommen wurden: Beim Absetzen von Beruhigungsmitteln verspüren wir z.B. ständige Unruhe und innere Spannungen mit Herzklopfen, Schweißausbrüchen und Zittern.
  • Beruhigungs- und Schlafmittel haben eine sehr lange Wirkungszeit. Ein um 22 Uhr eingenommenes Schlafmittel führt noch am nächsten Morgen zu einer Senkung der Reaktionsbereitschaft und Schläfrigkeit. Mehr zur Einnahme von Medikamenten bei Schlafstörungen.
  • Die Einnahme von Kopfschmerzmitteln, insbesondere von Kombinationspräparaten (von denen Sie die Finger lassen sollten) führt zu erheblichen körperlichen und psychischen Gesundheitsschäden, in erster Linie zum sog. medikamenteninduzierten Dauerkopfschmerz. 
  • Diesen gehen wir dann wieder mit den gleichen Präparaten an, was mit der Zeit zur weiteren Verschlimmerung der Schmerzen führt.
  • Die dauernde Einnahme von Medikamenten kann zu körperlichen Schäden wie etwa Durchblutungsstörungen, Nierenschäden und Magen-Darm-Geschwüren führen. Auch Depressionen können hierdurch ausgelöst werden.
  • Bei vielen älteren Menschen besteht die Gefahr zur Verwahrlosung, weil sie durch die längere Einnahme der Psychopharmaka gleichgültig werden. Ebenso steigen die Unfall- und Sturzgefahr.
  • Medikamente heilen keine Krankheiten! Sie beseitigen die Symptome, aber nicht die Ursache der Beschwerden. 
  • Das ist, wie wenn in Ihrem Wagen das Warnlicht für einen zu geringen Motorölstand blinkt, und in der Werkstatt klemmt man einfach die Leuchtdiode für das Warnlicht ab. Das Symptom ist weg, die Ursache besteht weiterhin.
  • Auch Sie klemmen Ihre Warndiode für Schmerz ab, wenn Sie Schmerzmittel nehmen. Die Ursache für Ihre Schmerzen wird nicht behoben.

Wie lange darf man Psychopharmaka einnehmen, ohne abhängig zu werden?

Dazu kann man keine allgemeingültigen Angaben machen, da dies von persönlichen körperlichen und seelischen Merkmalen sowie der Zusammensetzung der Medikamente mitbestimmt wird. Mit zunehmendem Alter verändert sich jedoch der Hirnstoffwechsel und die Suchtgefahr nimmt zu.

Als kritische Grenze gilt für Benzodiazepine die Einnahme von über 3 Monaten.

Manche Psychopharmaka machen jedoch auch schon nach vierwöchiger Einnahme süchtig.

Alarmsignale, dass Sie medikamentenabhängig sind

  • • Schläfrigkeit bis in den späten Vormittag
  • Dauerkopfschmerzen nach der Einnahme von Schmerzmitteln
  • häufige Stürze
  • Sie müssen die Dosis der Medikamente steigern, um die erwünschte Wirkung zu erzielen.
  • Sie holen Ihre Rezepte bei verschiedenen Ärzten, damit keiner weiß, wie viele Medikamente Sie nehmen.
  • Sie haben Angst, Ihr Arzt könnte Ihnen die Medikamente nicht mehr verschreiben.
  • Sie wechseln den Arzt, wenn er Ihnen die Medikamente nicht (mehr) verschreibt,
  • Sie kaufen Ihre Medikamente in verschiedenen Apotheken.
  • Sie haben sich von Ihrem Umfeld zurückgezogen.
  • Sie nehmen schon länger als 4 Wochen Schlaf- oder Beruhigungsmittel.
  • Sie verheimlichen die Einnahme von Medikamenten vor anderen.
  • Sie legen sich heimlich eine Reserve von Medikamenten an.
  • Sie nehmen die Medikamente länger oder in höherer Dosierung als von Ihrem Arzt verordnet.
  • Sie tragen vorsorglich immer Beruhigungstabletten bei sich.

Wie einer Medikamentenabhängigkeit vorbeugen?

Wir sollten kritisch mit der Einnahme von Medikamenten umgehen. Wir sollten unseren Arzt fragen, was es an anderen Möglichkeiten als der Tabletteneinnahme gibt. Beispielsweise können wir ein Entspannungsverfahren erlernen oder unsere seelischen Probleme in Beratungsgesprächen bei einem Psychologen bearbeiten.

Geben Sie Ihre Selbstverantwortung nicht an der Praxistür des Arztes ab.

Nach Ansicht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm werden sehr viele Patienten von ihren Ärzten regelrecht in die Sucht getrieben, da die Ärzte Medikamente zu lange verordnen. Außerdem sollten wir den Arzt informieren, wenn unsere Schlafstörungen oder die Kopfschmerzen im Zusammenhang mit einer momentanen seelischen Krise (einer Trennung, einem drohenden Arbeitsplatzverlust, Konflikten in der Partnerschaft, dem Tod eines Angehörigen etc.) stehen. Wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass Psychopharmaka nicht heilen und uns mehr auf unsere Fähigkeiten, selbst für das körperliche und seelische Gleichgewicht etwas tun zu können, besinnen.

Was tun, wenn Sie medikamentenabhängig sind?

Es ist bereits ein wichtiger Schritt, dass Sie die Erkenntnis zulassen, möglicherweise ein Problem mit Tabletten zu haben. Machen Sie sich deshalb keine Selbstvorwürfe. Sie sind mehr oder weniger unbewusst und unverschuldet in dieses Problem hineingeraten: vermutlich, weil Sie Ihrem Arzt vertraut haben, der offensichtlich fahrlässig gehandelt hat und inkompetent war. Sie können sich aus der Abhängigkeit befreien. Dies geschieht meist durch eine schrittweise Senkung der Medikamentendosis und sollte immer unter ärztlicher Aufsicht bzw. in einer Klinik geschehen.

Quelle: PAL Ratgeber Verlag Germany

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Anton Proksch Institut Wien 

Diagnose und Therapie der Medikamentensucht

Medikamentensucht

Viele Menschen, die medikamenten- oder tablettensüchtig sind, haben das konkrete Medikament ursprünglich zur Behandlung von Schlafstörungen oder Schmerzen eingenommen. Besonders Betroffene mit chronischen Schmerzen brauchen solche Medikamente über lange Zeit. Oft verschreiben ÄrztInnen Beruhigungsmedikamente wie Benzodiazepine (Tranquilizer). Der Körper gewöhnt sich an die im Medikament enthaltenen Substanzen und verlangt deshalb nach einiger Zeit eine höhere Dosis, um wieder die gleiche schmerzlindernde Wirkungen zu erreichen. Dadurch entsteht die körperliche Abhängigkeit.

Wann ist eine Therapie der Medikamentensucht notwendig?

Für die Betroffenen ist es sehr schwer festzustellen, dass sich ihre Situation durch die Einnahme der Medikamente zwar kurzzeitig, aber nicht dauerhaft verbessert. Spätestens wenn die Wirkung des Medikamentes nachlässt, verspüren die Betroffenen auch die Symptome wieder. Sie empfinden die Beschwerden dann oftmals als noch schlimmer und nehmen noch mehr Medikamente ein – der Beginn einer Medikamentensucht. Personen, die medikamentenabhängig sind, benötigen in der Regel ärztliche Hilfe bei der Therapie gegen Medikamentensucht. Nur ein äußerst geringer Prozentsatz schafft den Entzug ohne ärztliche Behandlung. Das Anton Proksch Institut in Wien hilft hierbei.

Das Therapieprogramm für Medikamentenabhängige umfasst in der Regel einen stationären Teil, gefolgt von ambulanter Nachbetreuung in einer unserer ambulanten Einrichtungen.

Quelle: Anton Proksch Institut Wien

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