Archiv für Juli, 2018

Sinndimension einer Situation

Posted in Uncategorized with tags on 07/30/2018 by Harry B.P. Jaeger

Sollte das Alphabet den Unterschied ums Ganze definieren?

Sollte das Alphabet den Unterschied ums Ganze definieren? In vielen Hinsichten ähneln sich die chinesische und die griechische Weisheitslehre, aber vor die Wahl gestellt, ein entweder situatives oder ein teleologisches Handlungsmodell zu pflegen, entscheiden sich die Griechen für das teleologische. Das teleologische Modell misst das Handeln an den Zielen, die es sich setzt, mit entsprechend großen Chancen, ein Situationspotential zu übersehen, das sich für alternative Ziele und alternative Handlungen hätte nutzen lassen. Das situative Modell schaut von vornherein auf die Situation und ihr Potential und lässt sich nur daran messen, ob Chancen, der Situation eine andere Wendung zu geben, gesehen wurden oder nicht.

Die beiden Modelle unterscheiden sich im Akzent, den sie setzen. Das teleologische Modell hält die Situation latent, in der es zu verschiedenen Zielsetzungen kommt. Es zieht die Aufmerksamkeit von der Gegenwart ab und richtet sie auf eine Zukunft, in der es bestimmte Ziele zu erreichen gilt, und auf eine Vergangenheit, die es erlaubt, diese Zielsetzungen zu motivieren und zu rechtfertigen. Das situative Modell hingegen hältst die Zielsetzungen latent. Dass und was jemand in bestimmten Situationen erreichen will, versteht sich entweder von selbst oder ergibt sich als Überraschung im Nachhinein, dann jedoch als eine Überraschung, die nicht überrascht, sondern die gegebenen Verhältnisse und die darin motivierten Zielsetzungen, einen Krieg zu gewinnen, einen Fürsten zu überzeugen, eine Ehefrau zu finden oder was immer, bestätigt.

Es ist wichtig zu sehen, dass es sowohl in China wie in Griechenland beide Modelle gibt. Wir haben es daher nicht mit verschiedenen Welten zu tun, sondern mit verschiedenen Akzentsetzungen. Wir haben es auch nicht mit der Unmöglichkeit zu tun, sich wechselseitig zu verstehen, sondern mit der Notwendigkeit, die jeweils eine Präferenz für das entweder situative oder teleologische Modell als eine Präferenz innerhalb der selben Alternative zu erkennen. Das situative Modell pflegten die Griechen unter dem Stichwort der metis, der listenreichen und wachsamen Klugheit. Von ihr wissen die Männer der Tat, während die Männer des Wissens die Idee des telos pflegen, des Zieles, an dem ein Handeln sich spätestens dann messen lassen muss, wenn es in der Akademie diskutiert wird. Und niemand wird den chinesischen Weisen ihre Teleologie absprechen. Der Weise wie der Fürst, den er berät, wissen sehr wohl, was sie erreichen wollen und was sie verhindern müssen. Aber ihr Verhalten orientiert sich situativ an Klugheitsregeln, nicht an Rechtfertigungsmustern. Sie handeln nicht, sondern sie agieren, wenn man unter einer Handlung den Versuch versteht, anschließend in einer anderen Situation zu sein, und unter einer Aktion den Versuch, erst einmal herauszufinden, in welcher Situation man steckt, sei es nun, dass man nach Möglichkeiten sucht, auf das eigene Mitspielen aufmerksam zu machen, sei es, dass man versucht, herauszufinden, wer die anderen Mitspieler sind und in welcher Haut sie stecken.

Die Griechen jedoch haben es nicht mit Situationen, sondern mit Handlungen zu tun. Sie agieren nicht, sondern sie handeln, und dies entweder tragisch oder komisch, entweder heroisch oder, als Entlastungskategorie für alle anderen, alltäglich. In jedem Fall jedoch haben sie es mit einem Drama zu tun und damit auch mit einer Geschichte, die sich zwar im Kosmos als ewige Wiederkehr des Gleichen abspielt, auf Erden jedoch als durchaus schicksalsreiches Geschehen unter Menschen. Eine Klugheit gibt es nur im Rahmen der Geschichte. Sie wird auch nur dort, am Hofe, reflektiert, wo sich die Entscheidungen vorbereiten, die dann entweder den Erfolg oder den Untergang nach sich ziehen. Sie wird durch die Geschichte gerahmt, nicht umgekehrt. In China hingegen rahmt die Klugheit jede mögliche Geschichte, die deswegen letztlich auch nicht stattfindet. In China dominiert die Wiederkehr des Gleichen, auch wenn es mal die einen, mal die anderen erfolgreicher werden lässt und mal die einen, mal die anderen in den Untergang reißt.

Beide Gesellschaften, die chinesische wie die griechische, sind Schriftgesellschaften. Beide haben die Einführung der Sprache und damit die Dynamik der Stammesgesellschaft hinter sich und die Einführung des Buchdrucks und damit die Dynamik der modernen Gesellschaft noch vor sich. Von der Stammesgesellschaft wissen sie, von der modernen Gesellschaft wissen sie nichts. Strukturell geprägt von den Formen, die die Stammesgesellschaft gefunden hatte, um mit der Katastrophe der Einführung eines Überschusses an Referenzen fertig zu werden, haben die antiken Hochkulturen mit der Katastrophe oder Einführung eines Überschusses an Symbolen zu tun. Bedeutete der Überschuss an Referenzen, dass die Stammesgesellschaft Regelungen finden müsste, was ein Wort meinen kann, wer es an wen richten darf und wann ist ausgesprochen werden darf, so bedeutet der Überschuss an Symbolen, dass die Schriftgesellschaft Regelungen finden muss, auf welche Schriftzeugnisse man sich in welchen Situationen berufen darf. Brachte die Einführung der Sprache eine über die Wahrnehmung von Körpern koordinierte Gesellschaft durcheinander, so die Einführung der Schrift eine über die Grenze zwischen Ritualgemeinschaften geordnete Gesellschaft.

Im Unterschied zu den Piktogrammen der Chinesen ist die Schrift der Griechen alphabetisch. An die Stelle eines kosmologischen Denkens im Kontext mystischer und mythologiesierbarer Ursprünge, das die Piktogramme zunächst nur unterstützen, tritt ein analytisches Denken, das an der Möglichkeit der Zergliederung und des Zerfalls den zunächst ungesicherten Zusammenhang der Dinge zu studieren lernt. Im qualitativen Sprung vom Bild zum Laut und dessen Fixierung steckt die Entdeckung des Unterschiedes, den ein Moment, kairós, jetzt machen kann. In der alphabetischen Schrift wird das vorübergehende, dass auftauchende und wieder verschwindende Wort angehalten und werden an dieser Differenz Zeitfluss und Ereignis unterscheidbar.  Man hat es nicht nur mit Bildern zu tun, die ihrer situativen Verwendung kontrolliert werden müssen, sondern mit einem Alphabet, das kontigent werden lässt, wie es weitergeht. Die Griechen haben keine andere Wahl, als das teleologische Modell zu forcieren.  Aristoteles erfindet es, weil außerhalb einer Bindung der Welt an die angemessenen Plätze, die alles Seiende in ihr findet, an die Vernunft der Verhältnisse nicht mehr zu glauben wäre. Die Berufung auf das telos jedoch erlaubt es, des Überschusses der Symbole nicht nur Herr zu werden, indem sie ihn jeder Kommunikation als teleologisch entweder passend angenommen oder unpassend abgelehnt werden können, sondern sie einzubringen in eine Gestaltung der Welt, die an Zuständen der Perfektion ihren Maß, an Zuständen der Korruption ihr Problem und an der Suche nach und Wiedergewinnung von angemessenen Plätzen für Menschen und Dinge ihre geschichtliche Dynamik gewinnt.

Während die Chinesen ihre Piktogramme in ein Referenzmodell der mündlichen Sprache einfügen, das es ihnen erlaubt, an den bewährten Formen des Respektes vor Grenzen und der Faszination von Geheimnissen festzuhalten, als mache die Einführung der Schrift keinen Unterschied zur Stammesgesellschaft, revolutionieren die Griechen ihr Weltmodell und beginnen ein Abenteuer der Geschichte, das wohl nur unzulänglich auf den Begriff des Schicksals gebracht werden kann. Wie die Ägypter, die Platon und Aristoteles abschreckend vor Augen hatten, werden auch die Chinesen Bürokraten. Hieroglyphen wie Piktogramme erlauben es offenbar, die Ritualgemeinschaften der Stammesgesellschaft mit wesentlich größerer Reichweite als je zuvor zu reproduzieren und zu formulieren, ohne wie in Griechenland das Risiko einzugehen, dass Handel, Politik, Kunst und Wissenschaft Skalen der Bürokraten durcheinander bringen und mit innovativen Ideen die Verhältnisse neu sortieren. Mit anderen Worten, selbstverständlich agieren die Griechen so klug wie die Chinesen. Im Unterschied zur Klugheit der Chinesen führt dies jedoch nicht zur Bestätigung, sondern zur Veränderung der Verhältnisse. Die Chinesen variieren das Bewährte, ohne auf die Idee zu kommen, es zu analysieren und zu rekombinieren. Die Griechen hingegen analysieren es und rekombinieren es im Zuge eines Prozesses der ebenso praktischen wie poetischen und theoretischen Neugier, der bis heute sein Ende noch nicht gefunden hat.

Das teleologische Handlungsmodell liefert dazu nur die normative Kontrastfolie. Man setzt sich Ziele, an denen man sich messen lässt, während man längst und höchst situativ die Mittel auswechselt, die es erlauben, sie zu erreichen. Oder man beruhigt die allfälligen Beobachter, dass man sich an die von allen konsentierten Mittel hält, während man längst Ziele verfolgt, die man einstweilen still und leise für sich behält. Man wird dieses teleologische Modell später auch das „rationale“ Handlungsmodell nennen. Und man wird daran festhalten, dass es für die Deklaration von Normen so viel Platz hat wie für die ebenso kluge wie prozessuale und damit situationsabhängige Neubestimmung des Verhältnisses von Mittel und Zweck. In der losen Koppelung zwischen den deklarierten, gleichsam global legitimierbaren Handlungen einerseits und dem geschickten, lokal angemessenen Agieren andererseits hat dieses griechische und inzwischen westliche Handlungsmodell seine eigentliche Pointe. Und in dieser Form haben es die Chinesen nicht nur längst übernommen, sondern immer schon verfolgt. Auf dem Umweg über China entdeckte der Westen seine eigenen Klugheitslehren.

Sinndimension einer Situation

„Frühkindliche Erinnerungen sind oft fiktiv“

Posted in Uncategorized on 07/23/2018 by Harry B.P. Jaeger

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Knapp 40 Prozent der Erwachsenen können sich laut einer britischen Befragung an Erlebnisse aus den ersten beiden Lebensjahren erinnern. Das Problem dabei: Das ist gar nicht möglich.

Eigentlich wollte das Psychologen-Team von der City University of London erforschen, was erste Erinnerungen aus der Kindheit typischerweise charakterisiert. Dazu sollten die 6.641 Studienteilnehmer ihre erste Erinnerung detailliert schildern und angeben, wie alt sie zum Zeitpunkt des beschriebenen Erlebnisses waren.

Das Ergebnis war für die Forscher überraschend: Fast 40 Prozent der Befragten schilderten Ereignisse, die vor ihrem zweiten Geburtstag stattgefunden hatten – beziehungsweise hätten: Denn nach dem aktuellen Stand der Forschung ist es nicht möglich, sich als Erwachsener an so frühe Ereignisse zu erinnern. Die Autoren gehen davon aus, dass es sich bei den Erzählungen um „fictional memories“, also fiktive Erinnerungen handelt.

„Mentale Vorstellungen“

„Typischerweise entstehen die ersten Erinnerungen im Alter von etwa drei Jahren“, so Shazia Akhtar, die Hauptautorin der Studie. Bei besonderen Ereignissen, etwa der Geburt kleinerer Geschwister, könne es sein, dass Erinnerungen bereits im Alter von rund zwei Jahren entstehen. Davor sei das Gedächtnis aber noch nicht so weit entwickelt, dass es bleibende Erinnerungen bilden könne. „Sich an Erlebnisse im Alter von zwölf oder 18 Monaten zu erinnern, ist schlicht unmöglich“, so die Psychologin.

Dass 38,6 Prozent der Befragten behaupten, sich an ihre ersten beiden Lebensjahre erinnern zu können und sogar 893 Personen von Erinnerungen bis zu ihrem ersten Lebensjahr berichteten, warf für die Forscher nun die Frage auf, wie diese vermeintlichen Erinnerungen zustande kommen.

Akhtar und ihr Team vermuten, dass sich dabei zwei Komponenten vermengen: erstens Fragmente von eigenen, frühesten Erinnerungen; und zweitens das Wissen über die ersten Lebensjahre, das man später aus Erzählungen von Verwandten oder aus Fotoalben erlange. Aus diesen beiden Quellen könnten „mentale Vorstellungen“ entstehen, die sich wie Erinnerungen anfühlen, schreiben die Forscher im Journal Psychological Science.

Fiktiv, aber nicht eingebildet

Ein typisches Beispiel für eine fiktive Erinnerung aus der Befragung sei etwa, wenn sich jemand daran erinnert, im Kinderwagen gelegen zu haben, so die Forscher. So eine Erinnerung könne dann entstehen, wenn etwa die Mutter erzählt, sie habe das Kind immer in einem grünen Kinderwagen spazieren gefahren. Wenn sich die betreffende Person dann diese Situation vorstellt, entstehe der Eindruck einer Erinnerung, so die Psychologen.

Den Begriff der “fictional memories“ haben die Autoren bewusst gewählt. Als falsch oder eingebildet würden sie die Erinnerungen nur ungern bezeichnen. Denn wie frühere Studien zeigen, seien auch die Erinnerungen an die Kindheit – ob fiktiv oder nicht – Teil der eigenen Lebensgeschichte und damit wichtig für ein konsistentes Selbstbild.

Quelle: Julia Geistberger, science.ORF.at